Verborgene Zeit - Was uns Gletschereis erzählt
Entdecke die uralten Schichten im Morteratschgletscher
Von Juerg Kaufmann, Gletscherfotograf und Gründer von Glaciers.Today
Haben Sie sich beim Wandern in der Nähe eines Gletschers schon einmal gefragt, wie alt das Eis unter Ihren Schuhen eigentlich ist? Auf den ersten Blick wirkt ein Gletscher wie ein gefrorener Fluss. Doch in seinem Inneren steckt eine Geschichte, die Jahrhunderte oder gar Jahrtausende zurückreicht. Als Fotograf, der seit über einem Jahrzehnt Gletscher dokumentiert, habe ich gelernt, sie nicht nur als Landschaften aus Eis zu sehen, sondern als mächtige Zeitkapseln.
Ein lebendiger Fluss aus Eis
Der Morteratschgletscher in den Schweizer Alpen ist einer der zugänglichsten und bestuntersuchten Gletscher der Region. Er fließt von den Höhen des Piz Bernina hinunter ins Tal, erstreckt sich über mehr als 7 Kilometer und enthält ein Archiv der jüngeren Klimageschichte der Erde. Von den frisch gefallenen Schneeflocken im oberen Einzugsgebiet bis zu den alten Eisschichten am Gletscherende erzählt jeder Abschnitt dieses Gletschers etwas über unseren wandelnden Planeten.
Wie Eis im Gletscher altert
Jeden Winter sammelt sich in den hochalpinen Zonen Neuschnee. Mit der Zeit und unter Druck verwandelt sich der Schnee in Firn und schließlich in kompaktes Gletschereis. Mit zunehmender Schneemenge werden die älteren Schichten nach unten gedrückt und beginnen langsam talabwärts zu fließen. Dadurch kann das Eis am unteren Ende des Gletschers – am sogenannten Gletscherzungenbereich – seinen Ursprung als Schnee vor über hundert Jahren gehabt haben.
Am Morteratsch datiert man die Oberflächeneis-Schichten nahe der Zunge oft auf die Mitte des 19. Jahrhunderts, also in die Zeit der sogenannten "Kleinen Eiszeit". Tiefere Eisschichten an der Gletscherbasis – heute durch schmelzende Eishöhlen sichtbar – können noch deutlich älter sein. Wissenschaftliche Messungen datieren dieses Basiseis auf bis zu 1.800 Jahre.
Die Basisschicht:
Eis aus einer anderen Zeit
Die Basisschicht ist der tiefste und älteste Teil eines Gletschers – Eis, das unter Hunderten von Metern Schnee begraben wurde und seit Jahrhunderten unter extremem Druck steht. Am Morteratsch wird diese Schicht oft in Eishöhlen nahe der Gletscherzunge freigelegt, wo Schmelzwasser Tunnel in das Eis gefräst hat. Das dort sichtbare, kristallklare Basiseis ist besonders dicht, bläulich und stellenweise nahezu blasenfrei. In anderen Bereichen lassen sich feine Netzwerke eingeschlossener Luftblasen beobachten – winzige Atmosphärenproben, eingefroren in der Zeit.
Da das Basiseis sehr langsam fließt und durch darüberliegende Eisschichten isoliert ist, kann es sich viel länger halten als oberflächennahes Eis. Proben vom Morteratsch haben gezeigt, dass dieses Eis bis zu 1.800 Jahre alt ist – es entstand also lange vor Beginn der modernen Geschichtsschreibung. In dieser tiefen Eisschicht finden sich wertvolle Hinweise auf vergangene Klimaverhältnisse, die Zusammensetzung der Atmosphäre und die jahrhundertelange Reise des Gletschers von seinen Nährgebieten bis ins Tal.
(Wikipedia).
Und die Luftblasen im Eis?
Wenn Sie je glasklares Gletschereis mit winzigen Bläschen darin gesehen haben, dann betrachten Sie in Wirklichkeit uralte Luft. Diese Blasen entstanden, als der Schnee noch porös war, und schlossen sich allmählich ein, als das Eis dichter wurde. Das heißt: Wir stehen nicht nur auf altem Eis – wir sehen auch gefangene Proben der damaligen Atmosphäre.
Solche erhaltenen Luftblasen helfen Wissenschaftlern zu verstehen, wie sich Klima und Atmosphäre der Erde im Laufe der Zeit verändert haben. Selbst kleinste Eisstücke können Hinweise auf frühere CO2-Konzentrationen, Vulkanausbrüche oder Luftverschmutzung liefern.
Der Morteratschgletscher: Ein Fallbeispiel
Der Morteratschgletscher im Berninagebiet der Schweizer Alpen illustriert eindrücklich die Dynamik alpiner Gletscher. Während der letzten Eiszeit vor rund 20.000 Jahren war er Teil des Inn-Gletschersystems. Mit der Erwärmung des Klimas zog sich der Gletscher zurück, und vor etwa 14.000 Jahren reichte er noch ins Berninatal mit einer Mächtigkeit von etwa 400 Metern. Im frühen Holozän, vor etwa 10.000 Jahren, erreichte er fast den heutigen Ort Pontresina. Seitdem hat sich der Gletscher mit klimabedingten Schwankungen kontinuierlich zurückgezogen. Besonders während der "Kleinen Eiszeit" um 1850 erreichte er seinen letzten Vorstoss und reichte fast bis zur heutigen Bahnstation Morteratsch. Seit Beginn der systematischen Messungen im Jahr 1878 hat sich der Gletscher um über 2.600 Meter zurückgezogen (Wikipedia).
Selber erleben?
Über das Projekt glaciers.today können Sie Livebilder von Gletschern verfolgen und hautnah miterleben, wie sich diese Giganten im Laufe der Jahreszeiten verändern. Ich lade Sie ein, zu entdecken, zu lernen und dem uralten Eis zuzuhören – solange es noch da ist.